Vom lieben Vieh: Eine kleine Schafgeschichte

Alles begann mit einem schwarzen Schaf vor etwa 6 Jahren. Wir holten es zusammen mit einem weiteren Schaf von einem Bekannten meines Vaters. Beide eine Kreuzung der Rassen Dorper und Kamerun. Diese beiden Rassen vereint eine Besonderheit. Sie besitzen keine Wolle im herkömmlichen Sinne, was die Schur unerforderlich macht. Zum Winter bekommen sie volleres und dichtes Fell, welches sie im Frühjahr wieder verlieren.

Anfangs etwas scheu gelang es mir mit viel Geduld die tragenden Schafe für mich zu gewinnen und sie zu zähmen. Eine besondere Verbindung entwickelte sich zu unserem schwarzen Schaf. Sie war schnell anhänglich und wurde später zum Leitschaf der kleinen Herde. Nachdem die ersten Lämmer geboren waren, erwarben wir noch einen älteren Bock für unsere Herde. Ein Prachtkerl mit Herz. So etwas Anhängliches hatte ich noch nie zuvor erlebt. Während ich sonst Geschichten von Schafböcken höre bei denen Man(n) sich oft vor dem angreifenden Bock auf den Baum retten muss, konnten wir unserem Bock unbesorgt kniend den Rücken zudrehen. Ein Beleg für seine Gutmütigkeit ist wohl der Tag, an dem wir ihn von seinem gebogenen Horn, das ihm zunehmend unter dem Auge in den Schädel drückte, befreiten. Ich sollte ihn und seinen Kopf halten während mein Vater sich mit einer Säge an seinem Horn zu schaffen machte. Lammfrom und völlig unbeeindruckt stand er vor mir und ließ die Prozedur über sich ergehen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich ihn nicht festhalten musste, er vertraute uns. So hielt er inne bis am Ende unter Anwendung einer Seilsäge das Horn zu Boden fiel.

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Der Prachtkerl mit Herz.

Auf einem Hof lebt man nicht nur mit den Tieren, sondern auch von ihnen. Und so schlachten wir nicht nur Hühner und Enten, sondern auch Lämmer. Das fällt uns allen natürlich immer wieder aufs Neue schwer. Deshalb versuchen wir erst gar nicht eine zu enge Bindung aufzubauen und dennoch wenn es soweit ist, kostet es immer Mühe und Überwindung. Oft werde ich gefragt wie ich dieses Fleisch denn essen könne. Ich schätze es und esse es mit Appetit, sogar mehr als ein gekauftes Stück Fleisch. Denn ich weiß wie wertvoll ein Stück Fleisch ist und welche Arbeit damit verbunden ist. Zudem ging es den Lämmern bei uns gut. Sie wurden weder von ihrer Mutter getrennt, noch in einem Stall ohne Licht und Luft gehalten. Jeden Tag ihres Lebens verbrachten sie auf der Weide.

Ebenso schwer ist es wenn ein Lamm die ersten Tage nicht übersteht. Generell haben wir damit keine Probleme. Bisher mussten wir in all den Jahren höchstens 3 Mal Geburtshilfe leisten. Oft lammen die Schafe in der Nacht wenn alles still ist und sie sich ungestört fühlen. Aber es kommt eben doch vor, dass ein Lamm zu schwach ist um in den ersten Stunden die Kolostralmilch der Mutter aufzunehmen und dann wird es schwer es durchzubringen. Dann melken wir das Mutterschaf zwar noch, jedoch sind die wichtigsten Stoffe wie Antikörper, Vitamine, Proteine, Enzyme und Mineralien im Kolostrum dann nicht mehr so  hoch konzentriert wie in den ersten Stunden nach der Geburt um die Immunabwehr des Lamms zu stärken oder überhaupt aufzubauen. Vor zwei Jahren hatten wir einen solchen Fall zu Weihnachten. Das Lamm war einfach viel zu schwach um selbst zu stehen. Ich mimte als Amme. Alle 3 Stunden, auch nachts und am Heilig Abend, saß ich im Stall und versuchte das Lamm zu tränken. Leider vergeblich. Die verzehrten Portionen wurden verschwindend gering und so auch die Kraft. Bis es eines morgens nicht mehr den Kopf hob. Wenngleich man auf dem Land bereits als Kind solche Erfahrungen machen muss ändert sich die Grausamkeit solcher Momente nie.

 

Nachdem unser alter Zuchtbock die Herde verlassen hatte um Inzucht zu vermeiden, trat ein neuer Kamerunbock an seine Stelle. Ein anfangs scheues Tier, dem ich wenig Vertrauen schenkte. Gleiches versagte er auch uns. Und so wurde von beiden Seiten daran gearbeitet. Langsames annähern, Standhaftigkeit bei Angriffen (Das passiert auch schnell bei den männlichen Lämmern. Sobald sie sich halbwegs stark fühlen greifen sie auch gern mal von hinten an. Da heißt es Obacht und Mut zur Paroli. Da muss man den Halbstarken dann bei den Hörnern packen und auf den Rücken legen.) und viel Geduld. Eine bewährte Methode. Zu 90 Prozent vertraue ich ihm. Die restlichen 10 Prozent verdiente nur unser erster Bock.

 

Dieser Bock schenkte unseren Schafen schon viele Lämmer, die unseren Stall mit viel Leben und Freude erfüllen. Der Trupp gleicht einer Kindergartengruppe. Da wird getobt, geschubst und anschließend in einer Ecke gelegen und geschlafen.

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