Vom Über-Landstreichen in Schottland – Die Fortsetzung

Am Sligachan Hotel, das ebenfalls im guidbook als Nachtquartier ausgeschrieben ist angekommen, warteten wir den schlimmsten Wolkenbruch ab und machten uns danach in Ponchos gehüllt und mit Wanderstock bewaffnet auf zum nächsten Ziel. Ein steiniger Weg wartete auf uns. Zwischen den Steinen ran das Wasser uns bergab entgegen und wir sprangen von Stein zu Stein um die Füße nicht völlig darin zu ertränken, denn nass waren sie ohnehin jeden Tag. Eine riskante Angelegenheit. So kam es, dass ich kurz vor unserem Ziel in die Knie ging. Oder besser auf die Knie. Eines landete auf einem Stein, das andere im Matsch. Nur eine winzige Platzwunde, die bereits am nächsten Tag nur noch ein blauer Fleck war. Glück gehabt.

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Ein beschwerlicher Weg von Stein zu Stein
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Camasunary – Schafe am Strand

Auch diese Etappe bot trotz des schlechten Wetters eine malerische Landschaft. Vorbei an zwei wunderschönen Seen endete die „Wasserstraße“ am Strand Camasunary. Das guidbook pries eine kleine leerstehende Hütte zur Übernachtung an. Wir hofften dort ein Feuer machen zu können um unsere Sachen zu trocknen. Doch schon von weitem sahen wir das diese bereits Gäste beherbergte.

Darauf folgte ein freundlicher Empfang von 5 Studenten aus Glasgow. Nachdem uns die kiffenden Siegelringträger von all ihren Pannen berichteten (beim Versuch mit einem Bezinbrenner ein Feuer zu machen geriet am Vorabend das Vordach der Hütte und ein Zelt in Brand  und bei der Anreise wären sie fast auf dem höchsten Berg der Insel zu Tode gekommen) lehnten wir das Angebot, uns die Hütte für die Nacht zu teilen dankend ab, gaben ihnen erfolglos einen Grundkurs im Angeln und zogen uns wieder an den größeren der beiden Seen zurück, den wir bereits passiert hatten – Safety first!

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Am See aßen wir zu Abend und machten es uns anschließend auf einem Fels mit Whiskey und Angel gemütlich. Nachdem mir die Mücken zu viel wurden, zog ich mich in Richtung Zelt zurück und der Herr verkündete noch fünf mal die Angel zu werfen und es mir dann gleich zu tun. Aber das tat er nicht. Ich putze Zähne und badete im eiskalten See. Schrieb das Erlebte des Tages nieder und wartete. Doch da kam niemand. Ich zog in Flipflops in Richtung Felsen – niemand da. Ich rief – niemand antwortete. Es gab nur eine Richtung in die er gegangen sein konnte. Doch soweit das Auge reichte, da war niemand. Ich zog die Flipflops aus und rannte barfuß durch Matsch und Gestrüpp – niemand da. Ich schrie aus voller Kehle – niemand antworte. Ich war allein. Ich rannte zurück zum Zelt, schnappte mir die Karte und das Handy, in der Hoffnung auf dem Felsen Empfang zu haben. Ich malte mir verschiedene Szenarien aus und geriet in Panik. Das Blut rauschte in meinen Ohren und ich brüllte aus voller Kehle um Hilfe. Meine Rufe verhallten in den umliegenden Bergen und der See blieb still als weit entfernt der Herr mit der Angel über einen Hügel schlendert. Bevor ich im Matsch auf die Knie fiel und vor Erleichterung heulte, brachte ich nur zwei Wörter hinaus: „Du Vollidiot“. Während ich also Todesängste ausstand, schlenderte der Herr auf der Jagd nach Fischen mit der Angel durch die Pampa.
Am nächsten Morgen frühstückten wir am See bevor wir uns auf zum nächsten Etappenziel machten. Der Weg dorthin erwies sich als äußerst beschwerlich und erforderte mit jedem Schritt vollste Konzentration. Entlang einer bewachsenen Steilküste verlief ein steiniger schmaler Pfand, dem wir folgten. Die noch vom Regen des Vortages nassen Steine boten wenig Halt. Dankbar über unsere Wanderstöcke und in Vorfreude auf ein heißes Getränk hangelten wir uns in Richtung Elgol. Es ist schwer zu beschreiben und wohl nur für denjenigen, der es selbst erlebt hat nachvollziehbar, wie groß die Freude ist wenn dann plötzlich am Horizont das Ziel zu erblicken ist. Eine Gefühlsmischung aus Freude, Erleichterung und Stolz. In Elgol selbst war es am Sonntagnachmittag eher still und so waren wir fast allein im Café „Cullin View Gallery & Coffee Shop“. Bei klassischer Musik, Scones und tollem Kaffee checkte der Besitzer mit uns das Wetter auf seinem Laptop und gab Empfehlungen für unseren nächtlichen Rastplatz. Außerdem legte er uns ein Pub in Glasgow ans Herz, den wir am Abend vor unserem Rückflug besuchen sollten. (Babbity Bowster – klassisch schottische Menüs die man wirklich probieren sollte)
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Cuillin View Gallery & Coffee Shop

Gut gestärkt und aufgewärmt setzten wir unsere Wanderung fort. Wir folgten einer langen Straße, die nie zu enden schien. Leider erwies sich die Empfehlung als wenig hilfreich. An der, in der Karte eingezeichneten, Stelle angekommen war weit und breit kein Schlafplatz in Sicht. Matsch und Wasser wohin das Auge reichte. Wir machten kehrt und liefen an diesem Abend noch bis zum nächsten Etappenziel nach Torrin. Und darüber hinaus, denn leider konnten wir keinen Schlafplatz finden. Nachdem wir auch hinter dem Ortsrand kein schönes Plätzchen mit Aussicht fanden, drehten wir übermüdet und mit lahmen Füßen um und schlugen das Zelt mitten in Torrin an einem kleinen Bach auf. Einen Vorteil hatte das Ganze, wir hatten es am nächsten Morgen nicht weit zum Blue Shed Café um dort zu frühstücken.

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Der Blick zurück, verrät wie lang die Straße wirklich ist
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Vogelbeobachtung im Blue Shed Café

Der lange Marsch vom Vortag steckte uns tief in den Knochen. Wir deckten uns im Café zum Frühstück mit coffee & cake to go ein und ließen uns von einem unfreundlichen Busfahrer nach Broadford fahren. Bis dahin waren wir ausschließlich auf sehr nette, aufgeschlossene und hilfsbereite Schotten getroffen. Broadford erwies sich als trostlose kleine Stadt. Auch mit dem B&B hatten wir kein Glück. Das von einem beim Sprechen spuckenden Belgier geführte Haus war zwar sauber aber lieblos geführt und völlig überteuert. Auch wenn wir hofften, dass der Besitzer, der das Frühstück selbst zubereitete, dabei nicht sprach, konnten wir es nicht wirklich genießen.

Von Broadford aus fuhren wir mit dem Bus erneut nach Sligachan und wanderten gen Westen. Unser Ziel die Fairy Pools. Wenngleich wir dort viele Touristen trafen, was wir bisher vermieden hatten, einen Abstecher wert. Kristallklares Wasser in kleinen Bächen und Flussarmen umringt von grünen Wiesen vor den Black Cuillins ergeben eine märchenhafte Kulisse. Der märchenhafte Zauber verflog jedoch schon bei der ersten Aufnahme des Naturschauspiels als der Wanderstock des Herrn, an der Klippe abgestellt, in die Tiefen des Wassers fiel. Niedergeschlagen über den Verlust des treuen Begleiters, konnte ich ihn nur schwer mit einem Picknick auf den Felsen inmitten der Pools aufheitern. Beim Verspeisen von Brot und Käse wurde beschlossen bergab nach dem Stock Ausschau zu halten. Und siehe da, der Stock wurde gen Tal getrieben und hatte sich zwischen zwei dicken Steinen verkeilt. Nach einer kleinen Klettermission und einem Lauf über das Wasser ging der Wanderstock zurück an seinen Besitzer und die gute Laune war wieder hergestellt. Diese steigt nochmal bei einer Stärkung am Carpark am Fuße der Fairy Pools. Bei Limo und Brownies lernten wir ein nettes Paar aus Glasgow kennen, dass uns anschließend auf einer tristen Landstraße in Richtung Carbost aufsammelte um unsere Füße ein wenig zu schonen.

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Pause an den Fairy Pools

In Carbost angekommen, zogen wir vorbei an der Talisker Distillery hinaus an den Rand des netten Ortes um nach einem geeigneten Platz am Wasser für unser Zelt zu suchen. Ein Werbeschild machte uns auf The Oyster Shed aufmerksam. Mit frischen Austern eingedeckt ging die Quartiersuche weiter. Vergeblich, wir liefen und liefen. Ein Haus, dessen Garten bis hinunter zum Wasser reicht, folgt dem nächsten. Und so liefen wir noch einmal gut 5 Kilometer bis wir uns endlich durch dichtes Gestrüpp einen Weg zum Wasser bahnen konnten und das Zelt aufschlugen. Geplagt von Mücken, die die Kombination aus Wasser und Wald ganz besonders lieben, verschwanden wir früh ins Zelt. Zu unserem abendlichen Ritual wurde das Eintalgen der Füße mit Scholl Hirschtalg Creme und der Schluck Obstler aus dem Flachmann zum Aufwärmen.

Am nächsten Morgen brieten wir am Wasser Ei und Speck bevor wir uns zurück auf den Weg nach Cabost machten. Es war der erste Tag seit Beginn des Trails an dem wir in kurzer Hose und Shirt wanderten und es war unerträglich. So lernten wir am Ende der Reise unsere bisherigen Begleiter Regen und Wind zu schätzen. Während wir in Carbost auf den Bus nach Portree warteten, ließen wir im Old Inn bei einem köstlichen Lunch die Seele baumeln.

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Frischer geht´s wohl kaum

Zurück in Portree verbrachten wir einen ruhigen Abend in der kleinen Stadt. Nach einem Dudelsackkonzert ging’s wieder ins bereits bekannte Caledonian Café. Ein schöner Abschied von einer Insel, die uns gezeigt hat wie wenig es braucht um glücklich zu sein. Wir haben uns während des Wanderns auf das Wesentliche besinnt und die kleinen Dinge, die wir leider oft für so selbstverständlich halten, schätzen gelernt. Wenngleich wir auf jeglichen Luxus verzichtet haben und körperlich an unsere Grenzen stießen, zählt dieser Urlaub zu den schönsten.

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Die Isle of Skye Pipe Band im typischen Kilt

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