Vom Über-Landstreichen in Schottland

Während sich Freunde, Verwandte und Kollegen in diesem Sommer am Meer tummelten oder die Metropolen unseres Kontinents unsicher machten, zog es uns mit Rucksäcken bepackt nach Schottland.

Unser Ziel: The Skye Trail – ein Wanderweg, quer über die Isle of Skye, beginnend im Norden und endend im Süden. Wobei Wanderweg hierbei irreführend ist.

Darauf vorbereitet haben wir uns vorwiegend mit einem kleinen guidebook namens The Skye Trail – A Week-Long Trail the Length of Skye. Die darin vorgesehenen Etappen endeten immer in einer Ortschaft, die die Möglichkeit eines Schlafplatzes bietet. Unser Domizil sollte während der zehntägigen Reise jedoch unser Zelt werden. Dementsprechend penibel gingen wir bei der Auswahl unseres Gepäcks vor. Es kam nur in den Rucksack, was wirklich gebraucht wird. Beim Kauf der Utensilien, die wir neu anschafften wurde also fast ausschließlich auf das Gewicht geachtet. Mit Erfolg. Die Rucksäcke wogen 11 und 14 kg und wie sich während der Reise herausstellte, fehlte es uns an fast nichts.

Nachdem wir von Berlin aus Glasgow angeflogen hatten und dort die erste Nacht im Hotel verbrachten, ging es mit dem Bus auf die kleine Insel. Nach etwa 7 Stunden Fahrt starteten wir endlich unseren Trail an einer Telefonzelle im beschaulichen Rubha Hunish im Norden der Insel. Ein Ort, der wie die meisten auf Skye nur aus drei Häusern und vier Spitzbuben besteht. Über einen Trampelpfad, der uns über sattgrüne Wiesen führte, erreichten wir endlich die Küste und uns offenbarte sich der erste Blick über die Weite des Meeres. Bereits nach den ersten zwei Kilometern wurde uns klar: Von Wanderwegen war hier nicht zu sprechen. Trampelpfad oder aber nicht einmal das, war wohl treffender. Regendurchtränkte Wiesen, mit einem Drahtzaun gespickt, den es zu überwinden galt und matschige Wege, in denen jeder Schritt einen 2 cm tiefen Abdruck hinterließ. Nach den ersten 11 Kilometern verbrachten wir unsere erste Nacht im Zelt in der Nähe einer kleinen Ortschaft. Hinter einem Hügel, der uns Schutz von Wind bot, schliefen wir bereits um 21.00 tief und fest.

Die Küste ist erreicht

Nachdem wir am zweiten Tag völlig durchnässt in einem Hostel in Flodigarry Halt machten und uns bei einer Tasse Tee aufgewärmt hatten, folgten wir einem Tipp und schlugen unser nächstes Nachtlager 7 Kilometer weiter an einem kleinen Wasserfall auf. Völlig durchnässt, spannten wir einen unserer Ponchos als Dach auf, um darunter unsere Küche einzurichten und eine Leine zum Trocknen unserer Kleidung zu spannen. So schön dieser Wasserfall auch war… Das Wasser darin war unendlich kalt. Aber es half alles nichts, die müden Füße hatten ein paar Spritzer Wasser nötig und so stiegen wir mit Kernseife bewaffnet ins wirklich kühle Nass.

Domizil am Wasserfall

Am nächsten Morgen um sechs Uhr vom „Mäh“ eines Schafes geweckt, entschieden wir uns nach einem kurzen Blick aus dem Zelt in die nebelverhangene Landschaft für eine zusätzliche Runde Schlaf. Eine kluge Entscheidung, denn Kraft konnten wir gebrauchen, wie sich später herausstellte. Gestärkt mit im Gaskocher zubereitetem Porridge stiegen wir in die noch nassen Schuhe und kalte mit Raureif bedeckte Kleidung und traten die dritte, wohl herausforderndste Etappe an. Wir bestiegen das erste Plateau, auf das noch 11 weitere folgten. Bergauf, bergab mit nassen Füßen und einem Rucksack auf dem Rücken, der einen die Erdanziehungskraft deutlich spüren lässt. Als eines unserer besten Reiseutensilien stellten sich meine Wanderstöcke heraus, von uns liebevoll Discosticks genannt. Wir teilten sie nach dem ersten Tag christlich durch zwei. Besonders bergab nahmen sie den Druck von den Knien und während der gesamten Strecke, gaben sie einen hervorragenden Vortaster ab. Es  erwies sich als klug von dem Auftreten einmal mit dem Stock den Untergrund auf Festigkeit und Wassergehalt zu testen. So bahnten wir uns unseren Weg von Stein zu Stein oder von fester Pflanzenstaude zu Stein oder anders herum.
Auch unsere  Karte und die GPS-Daten auf dem Handy waren uns mehr als hilfreich. Denn so ohne jede Hilfe wären wir wohl im Nebel über den Rand der Klippe hinaus gelaufen. Die Route sah es vor sich am Rand der Klippe den Weg zu bahnen. Wir schritten also von Plateau zu Plateau und stießen dabei an unsere Grenzen. Das Wasser wurde langsam knapp, die Knie schmerzten mit jedem Schritt bergab und wir stellten zum ersten Mal fest, dass wir doch etwas vergessen hatten: etwas Salziges. Ob Nüsse, Würstchen oder gar Chips. Was hätten wir dafür gegeben. Von Salz träumend und in voller Vorfreude auf selbiges am Abend machten wir unsere Kilometer.

DAS Gefühl von Freiheit
Mitten im Nirgendwo – Schafe. Sie warten hinter jeder Bergkuppe.

Nach jedem erklommenden Plateau stieg sowohl die Erschöpfung als auch die Glückseligkeit in uns. Vorbei an kleinen Schafgruppen genossen wir die stetig wechselnden Aussichten und konnten uns daran nicht satt sehen. 27 Kilometer und über 1000 Höhenmetern später erreichten wir unser nächstes Etappenziel: The Old Man of Storr! Ein etwa 50 Meter hoher Felsbrocken der gen Himmel ragt. Als sich dieser am Horizont vor uns zeigt, steigt ein überwältigendes Glücksgefühl in uns auf. Wir haben es geschafft.

The Old Man of Storr – ganz klein

Per Anhalter gelangten wir an diesem Abend nach Portree, der Hauptstadt von Skye. Dort angekommen begannen wir die B&Bs der Stadt abzuklappern. An der dritten Tür, dem Benlee Guest House, öffnete uns ein älterer Herr in Cordhose. Er hatte noch ein Zimmer für zwei müde und miefende Wanderer. So stapften wir schlechten Gewissens mit unseren matschbeladenen Wanderschuhen über den Teppich die Stufen hinauf in ein kleines Zimmer – very scottish – unterm Dach. Der Dreck schien ihn wenig zu beeindrucken, vielmehr interessierte ihn unsere Mission. Als wir von unserem Trail berichteten, glänzten seine Augen. Auch er war ihn in seiner Jugend gelaufen. Er ließ uns in einem Zimmer mit Bett, Kommode, Waschbecken und Dusche zurück. Der pure Luxus. Nach vielen „Ahs“ und „Ohs“ unter der heißen Dusche und einer Tasse Earl Grey, verwandelten wir das niedliche Zimmer innerhalb weniger Minuten in eine Wäschekammer. An einer Leine, die wir quer durch das Zimmer spannten, trocknete nun nahezu all unsere Kleidung. In Flipflops und langer Unterhose gingen wir auf Futtersuche. Im Caledonian Café fanden wir was wir suchten, etwas Salziges.

Den nächsten Tag verbrachten wir mit einem langen schottischen Frühstück in unserem B&B, bewirtet von der strengen aber herzlichen Frau des Hauses. Danach sahen wir uns den Hafen von Portree an, schrieben Grußkarten an die Familie und gönnten unseren Füßen ein wenig Ruhe bevor es am nächsten Morgen wieder in die schweren Botten ging.

Eine heiße Tasse Tee nach einem langen Tag bei Wind und Nebel
Blick über den Hafen von Portree

Ein Bus brachte uns zum Startpunkt der nächsten Etappe, die mehr als nur eine Überraschung bereit hielt.

Seid dabei wenn die Nacht einbricht, ich allein im Nirgendwo um Hilfe schreie und meine Rufe in den Bergen verhallen.

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